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30. Oktober 2017

Ein falsches Zeichen für Potsdam

Mit einem Gottesdienst wurde gestern an der Breiten Straße der Baustart für den Garnisonkirchturm gefeiert. Protest dagegen wurde als "respekt- und würdelos" diffamiert. Ein Versöhnungszentrum, das von Beginn an spaltet, kann seine Ziele kaum erreichen. Dazu erklärt der Kreisvorsitzende der Potsdamer LINKEN, Stefan Wollenberg:

Der gestrige Baustart für den Garnisonkirchturm reiht sich ein in die Ereignisse dieses Sommers, die dazu geeignet sind, die Gräben in der Stadtgesellschaft immer weiter zu vertiefen, statt sie zuzuschütten. Dabei geht es gar nicht zuerst um Mehr- und Minderheiten, sondern um den Anspruch, alle mitzunehmen, Beteiligung ernst zu nehmen und Raum für unterschiedliche Entwicklungen zu geben - auch und vor allem in der Potsdamer Mitte. Diejenigen, die diesen Ort als "Versöhnungszentrum" entwickeln wollen, hätten gut daran getan, das zu berücksichtigen und einen wirklichen Neuanfang zu wagen.

Die Chance dazu hätte es gegeben - und durch das lebendige und kreative Kunsthaus "Rechenzentrum" ist sie jüngst sogar deutlich gewachsen! Spannende Entwürfe für das Nebeneinander von Turm und Kunstzentrum gibt es, schade - das sie nicht ernsthaft aufgegriffen werden. Ein Turm in moderner, zeitgemäßer Architektursprache, ergänzt durch ein lebendiges Kunst- und Kulturzentrum anstelle des Kirchenschiffs - was für ein tolles Wahrzeichen für ein modernes, weltoffenes und buntes Potsdam könnte das werden - ein wirklicher und ehrlicher Bruch mit den unseligen Traditionen dieses Ortes!

Die Befürworter eines originalgetreuen Wiederaufbaus übersehen nämlich einen ganz wesentlichen Aspekt: Man muss gar keine falschen Absichten unterstellen - selbst, wenn das Konzept des Versöhnungszentrums derzeit noch eher nebulös erscheint. Wenn der Turm erst steht, liegt die Interpretation und Inanspruchnahme dieses dann öffentlichen Ortes nur noch begrenzt in der Hand der Betreiber. Er ist Symbol dunkler Teile der deutschen Geschichte - und interessierte Kreise werden ihn auch so nutzen. In Zeiten, in denen rechte und rechtsextreme Auffassungen in unserem Land wieder erstarken, wäre ein deutlicher inhaltlicher und visuell-architektonischer Bruch mit der Geschichte das Gebot der Stunde!