Die DDR gerecht sehen!

Die DDR nicht von ihrem Ende, sondern von ihrem Anfang her sehen. Es begann mit der klaren Wahlkampfaussage der Kommunisten Anfang der 30er Jahre: Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg. Genauso kam es, und es kam noch schlimmer, als Programm nachzulesen in „Mein Kampf“. Hätten die Deutschen das Buch nur gelesen – damals praktisch vorhanden in jedem Haushalt –, niemand hätte sich mit Nichtwissen herausreden können. Nach Auschwitz, nach Menschheitsverbrechen ohnegleichen stand die DDR und eben nicht die Bundesrepublik für einen radikalen politischen Neubeginn – ein hoher Anspruch. Das Leitungspersonal kam von außen, aus dem Exil oder hatte Gefängnis/KZ überlebt, war oft ohne richtige berufliche Ausbildung, auf neue Aufgaben unzulänglich vorbereitet.

Dies unterschied schon einmal grundlegend beide deutsche Staaten: nach einer kurzen Schamfrist machte das Personal im Westen einfach weiter, Offiziere, Staatsanwälte, Hochschullehrer, Verwaltungsbeamte, Richter, Ärzte usw. – kurz alle, genauer die allermeisten, aus den Facheliten, waren urplötzlich Demokraten und leisteten gute Aufbauarbeit, aber schwiegen betreten über die Zeit davor. Zu einem antifaschistischen Grundkonsens wie in Italien, Spanien oder Frankreich kam es nicht. Aber zum Antikommunismus reichte es allemal, dieser Staatsreligion mit Sonderparagrafen und politischen Urteilen bei Kommunisten. Der verordnete Antifaschismus in der DDR war viel zu laut und manchmal nur noch Pose. Michael Schumann sagte mir leise weise, „besser ein verordneter Antifaschismus als gar kein Antifaschismus“. Trotz allem, der Schwur von Buchenwald war in der DDR kein leeres Wort, sondern Auftrag.

Rechtsstaatlichkeit und formale Demokratie waren von Anfang an mangelhaft in der DDR, und dann gab es dieses permanente Misstrauen von oben. Alles wissen wollen, aber nichts wirklich verstehen. In einigen Dingen war auf die DDR Verlass  – kein Angriffskrieg, kein Völkermord, keine Mitfinanzierung von fremden Angriffskriegen. Und dann eine Bildungspolitik, die 1959 ziemlich rabiat Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugte und Abiturienten wie mich aus dem Besitzbürgertum auch schon mal bei gleichen Leistungen vom Studium ausschloss.

Wie ich dann 1960 nach Westberlin ging, dort studieren konnte, von den Sicherheitsbehörden in Ost und West sehr genau untersucht wurde, mir eine ganze Menge Ärger einhandelte – das ist eine eigene kleine Geschichte. Das Ende der DDR war jämmerlich – keine Frage. Wie aber die SED ihre absolute Macht abgab und als PDS mit anderen Parteien teilte, wie Militär und  Geheimdienst ohne Gewalt abgeschafft werden konnten, wie das mit friedlichen Mitteln vor sich ging, das hatte Stil und verdient Hochachtung. Im westdeutschen Boulevard wurde doch schon gehetzt und Verständnis gezeigt für den Fall, dass der Volkszorn sich artikuliert und – na ja, es hätte auch jugoslawisch kommen können. Dem unbekannten NVA-General ist zu danken, der besonnen und wohl informiert seine Einheit abrüstete und einer ungewissen Zukunft ohne Ehre entgegensah.

Es wird auch gern erzählt, die Ostdeutschen hätten nach zwei Diktaturen doch einen ziemlichen demokratischen Nachholbedarf. Dabei war es so, dass den Westdeutschen die Demokratie von den Siegern aufgezwungen wurde und die Ostdeutschen sich ihre Demokratie selbst ertrotzt haben. Als Nachsatz, an Walter Ruge gewandt: Es stimmt, Callgirls gab es nicht in der DDR, wohl aber Frauen in den Hallen der großen Devisenhotels, die durchaus ihre körperlichen Vorzüge zeigten und mehr noch taten, gegen Westgeld versteht sich, aber sicher behütet in der Aufsicht einer mächtigen Organisation.

Hans-Otto Träger