Die DDR in Schnipseln

„Geh doch nach drüben“ hieß es noch bis tief in die 80er hinein, wenn wir gegen die real existierenden Auswüchse des BRD-Kapitalismus protestierten. Hab‘ ich dann 1998 gemacht. Und mische mich als „West“deutscher, der sich bis 1989 immer als Norddeutscher verstanden hat, ein in eine interne Debatte über die Geschichte der DDR. Auch nach 20 Jahren immer noch eine schwierige Angelegenheit. Ich will es trotzdem versuchen, habe allerdings kein geschlossenes Gesamtbild, sondern nur begleitende Gedankensplitter anzubieten.

Schnipsel 1. Eine solche Debatte anzustoßen ist gerade im „Jubiläumsjahr“ wichtig. Wenn sie reale Erfahrungen aufnimmt und ohne parteipolitische Vorfestlegungen ein neues Selbstverständnis von Sozialismus hervorbringen hilft. Raus aus der Defensive, auch bezüglich der Vergangenheit, hin zum Angriff. Jenseits von Hartz IV-Kampagnen und  Schulspeisungskämpfen, ohne diese zu vernachlässigen.

Schnipsel 2. Sascha, Stefan, Tino und Pete bieten in ihrem Artikel zwei Hauptgründe für die Fehlentwicklungen an. „Das Scheitern der DDR ist primär auf das Nichterreichen der selbst gesetzten Maßstäbe zur Erreichung eines hohen Lebensstandards ... zurückzuführen.“ Und weiter hinten „Der entscheidende Konstruktionsfehler des Realsozialismus war die ungenügende Verknüpfung von Freiheit, Gleichheit und Solidarität.“ Mir scheint das ein notwendig unbeantworteter Widerspruch zu sein. Wie schnell gingen die Parolen von „Wir sind das Volk“ über zu „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zur D-Mark“?

Kommt wirklich erst das Fressen und dann die Moral? Kann nach jahrelangen Erfahrungen mit einer beherrschenden Staatsbürokratie und deren Exzessen der Apparat wirklich noch einmal reüssieren? Glaubt irgendwer an die Kraft der Vernunft der Nomenklatur, Bürokratie, Planung, Unterordnung unter die Vorgaben der (Partei)Führung? Und: Bietet der renditefetischisierende Kapitalismus und seine Gesundbeter, die, wenn sie Lohnverzicht meinen, Globalisierung rufen mit all seinen Begleiterscheinungen von Verelendung breiter Bevölkerungsteile über die Ausbeutung von Dritt-Welt-Ländern bis zu unzähligen Kriegen im Namen des Öls mit Folter und Willkürherrschaft wirklich eine Alternative? Wo, zum Henker, ist der dritte, der langfristig gangbare, der menschliche Weg?

Schnipsel 3. Der Mauerbau, ökonomisch begründbar, stellt für mich die sichtbarste Abkehr vom Versuch dar, einen freiheitlichen sozialistischen deutschen Staat zu realisieren. Wenn denn die freiheitliche Variante bei den Vorerfahrungen der Protagonisten in derDDR wie in der UdSSR und nach der gerade beendeten Naziherrschaft, bei der Allzuviele derjenigen, die jetzt ein sozialistisches Deutschland aufbauen sollten, mitgemacht hatten, jemals erwünscht, gedacht, gemeint gewesen war.

Eine Regierung nimmt sein Volk als Geisel, danach kann nur Tyrannei folgen, selbst wenn sie nicht unbedingt als solche empfunden wird. Eine Entscheidung, die zum einen die Denkweise der Herrschenden verdeutlicht, zum anderen aber auch nicht wirklich innerhalb des Systems zu revidieren ist. Spätestens ab 1961 herrscht Knechtschaft, bei aller Freiheit, die die Menschen im Realsozialismus sicher trotzdem wahrgenommen haben. Und ungeachtet des Glaubens Vieler an das besserer Deutschland und deren (Aufbau)Leistungen. Welche Schlussfolgerung lässt der Mauerbau über die weitgehend stalinistisch konditionierten Herrschaften in der damaligen und allen nachfolgenden Nomenklaturen der DDR und ihre Menschenbilder zu?

Schnipsel 4. Paradoxerweise implodiert die Linke (nicht nur in der BRD) mit dem Ende der DDR. Und das obgleich sich die allermeisten der links(intellektuellen) Gruppierungen eben nicht an das System DDR/UdSSR angedockt hatten. Der Kapitalismus hat gesiegt, tönte es. Vom Ende der Geschichte ist die Rede. Die Unternehmen freuten sich über frische Arbeitskräfte, die den Druck auf Arbeiterrechte, auf Löhne wie auf Arbeitsbedingungen und -zeiten steigen ließen. Die neoliberal-konservativen Kräfte konnten vor Kraft kaum noch gehen. Die SPD unter Schröder ließ die Hedgefonds ins Land, erklärte die soziale Frage zu Gedöns und den Hindukusch zu Deutschlands erster „Verteidigungs“linie. Ein konsequentes Ergebnis solcher Politik ist der derzeitige Wirtschafts- und Finanzkollaps, andere sind das immer schnellere Auseinanderdriften der Einkommen aus Kapital und Arbeit, die immer ungleich werdenden Chancen auf Bildung, Zukunft, Teilhabe je nach sozialer Herkunft. Wenn die Westdeutschen wirklich wüssten, wovor die Mauer sie jahrzehntelang bewahrt hat.

Schnipsel 5. Lebenslügen begleiten die beiden deutschen Teilrepubliken. Zwei davon: In der BRD wurde entnafiziert, die DDR war ein antifaschistischer Staat. Die wichtigsten Leistungen der CDU/CSU (West) sind nicht die Westintegration, nicht die politische Begleitung des Aufbaus West, nicht die Wiederaufrüstung oder die Vereinigung der beiden Staaten. Die herausragende Leistung dieser Partei ist die Integration der Faschisten in das demokratische System BRD und ihre weitgehende Befriedung und Zähmung. Dafür kann man den Konservativen nicht genug danken (eine Erkenntnis, zu der ich lange gebraucht habe). Erkauft wurde diese Integration, unter tätiger Mithilfe der drei alliierten Westmächte, unter anderem durch den Verzicht auf Aufklärung und Strafverfolgung sowie durch rasche Wiederinbetriebnahme der alten „Eliten“, die sich als patriarchalische Herrschaftsnetzwerke verstanden und wohl auch besser so genannt werden sollten. Für Ostdeutschland hat die SED/PDS/LINKE diesen Part übernommen, ohne dass es ihr entsprechend gedankt würde (kommt wahrscheinlich erst später, war bei der CDU auch so) und, da ist allerdings der gravierende Unterschied, ohne die Möglichkeit zur Verteilung von wirklicher Macht, von Kapital und Eigentum, allenfalls von Posten, Pöstchen zu haben.

Schnipsel 6. Meine kleine DDR hat Manfred Stolpe das Land Brandenburg genannt. Wieviel DDR heute wirklich noch in Brandenburg zu finden ist, wissen die „Eingeborenen“ besser als ich. Angespielt hat der ehemalige Ministerpräsident, der so gerne ein Landesvater gewesen wäre, sicherlich auf Heimat und Heimeligkeit, in den wilden Jahren nach 1989 ein Surrogat für tatsächliche Anteilnahme, gelebte Solidarität, für Transparenz, Offenheit und Chancengleichheit. So wie der derzeitige MP seinen Eingeborenenstatus nutzt, um Anteilnahme, Respekt vor Lebensleistung, Interesse an den „Prekären“ zu gaukeln.

Schnipsel 7. Ich habe die Wendezeit in Berlin leben dürfen. Ich bin froh darum, bei allem Alltagsstress, den das Hinzutreten von mehreren Millionen Menschen in meine kleine Welt und ihre alltäglichen Abläufe bedeutete. Denn nur hier konnte das Zusammenwachsen tatsächlich er- und gelebt werden. Meine Freunde und Bekannten in Trier und in Nordfriesland konnten hingegen kaum begreifen, was geschah (wie im Übrigen wahrscheinlich auch die Menschen auf der anderen Seite Deutschlands, zum Beispiel in Görlitz oder Cottbus). Es war meinen Freunden auch gleich, weitestgehend.

Aber ich konnte schon bald auch im Job erleben, dass die Unterschiede zwischen Ost und West ziemlich gering waren und sind, wenn man sie aufs Wesentliche zusammenkocht. Hier wie dort gibt es tolle Leute und Langweiler, Mutige und Furchtsame, Intelligente und Bauernschlaue. Und die Armleuchter sterben einfach nicht aus. Oder um es mit einer meiner heutigen Kolleginnen zu sagen: „Früher durften wir keinen Pieps über die Politik sagen. Heute kann ich zwar Alles sagen, was ich will. Nur interessiert das niemanden und ändern tut es auch nüscht. Dagegen konnten wir früher im Betrieb so richtig auf den Putz hauen. Da konnte uns keiner. Und dann hat sich auch was getan. Heute kannste Dir das das nicht trauen. Dann fliegst Du raus oder hast zumindest Probleme“. Ihr dürft raten, wo Die Dame ihre ersten Lebens- und Arbeitsjahre verbracht hat. Aber nur einmal.

Olaf Willuhn