Nur eine komplexe Sicht wird Bestand haben

Sascha Krämer, Stefan Wollenberg, Pete Heuer und Tino Erstling laden in „Potsdams anderen Seiten“ vom Juni zur DDR-Debatte ein. Ich will den Ball gern aufnehmen. Der Text der vier ist für mich nicht überzeugend, denn er besteht lediglich aus einer ziemlich wahllosen Aneinanderreihung von dieser und jener längst bekannten Ansicht, und es fehlt ihm am Entscheidenden: an Gerüst, Methode und eigener Idee.

Wenn eine – ich zitiere – „kritische Aufarbeitung der DDRGeschichte … gesamtdeutsch und generationenübergreifend Akzeptanz“ finden soll, dann muss diese DDR-Geschichte
selbstverständlich auch gesamtdeutsch betrachtet werden. Die Autoren tun genau dies gerade nicht. Sie lösen die DDR aus allen Zusammenhängen heraus, betrachten sie als
beziehungslosen, frei im Raum schwebenden Solitär. Damit kann man den Zeitgeist bedienen und wohlfeile Verdikte schmieden – mit Aufklärung aber hat das nichts zu tun.

Nichts geht ohne Antwort auf die Frage nach dem Woher und Warum der DDR. Die DDR war nicht etwa – wie es heute manchmal scheinen mag – die mehr oder weniger aberwitzige Herausbrechung eines Teils von Deutschland aus einer ansonsten heilen und wunderbaren Welt, sondern Resultat einer Weltkatastrophe, an deren Zustandekommen Deutschland entscheidenden Anteil hatte, und sie hatte eine Zwillingsschwester, die BRD, mit der sie zeitlebens aufs engste verknüpft und verwoben war – in einem durch den weltweiten Ost-West-Systemkonflikt geprägten Verhältnis von Spannung und Kampf gegeneinander, in dem jede Aktion zugleich Reaktion war und neue Aktion und Reaktion hervorrief. Wenn diese komplexe Realität nicht am Ausgangspunkt aller Überlegungen steht, bleiben die Untersuchungen selektiv, punktuell, oberflächlich – und für die Zukunft, um die es ja doch gehen soll, wenig hilfreich. Der Versuch, gegen die Verheerungen des Faschismus ein sozialistisches Gesellschaftsmodell zu setzen, war selbstverständlich legitim. Dass dieser Versuch im Zeichen des Stalinismus stand und nicht des von Marx gemeinten freiheitlichen Sozialismus, und dass zugleich dieser Versuch auch von westdeutscher Seite stets mit äußerster Vehemenz bekämpft und behindert worden ist, hat mit eben jener schon genannten Weltkatastrophe zu tun.

Eine ideenreiche, neue Betrachtung halte ich für notwendig hinsichtlich der so oft ins Feld geführten wirtschaftlichen Unterlegenheit der DDR. In einer Zeit, da die Wachstumslogik des Kapitalismus so deutlich alle Lebensressourcen bedroht, wie das für alle unübersehbar der Fall ist, muss der in der DDR unternommene Versuch, andere Pfade zu beschreiten, wieder ganz neu befragt werden. Nun wehren sich manche gegen solche komplexe Sicht, weil sie meinen, dann käme die Selbstkritik zu kurz. Da ich hier nur wenige Zeilen habe, verweise ich auf mein Buch „Michael Schumann. Hoffnung PDS“ aus dem Jahre 2004, meine seit 1993 zahlreichen Aufsätze und Artikel zum Thema in der Zeitschrift „UTOPIE kreativ“ (nachzulesen unter www.rosalux.de) sowie meine Texte im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus (zu finden unter
www.inkrit.org).

Dr. sc. Wolfram Adolphi