Sozialistische Treue?

Wenn aus der LINKEN Kritik an der DDR geäußert wird, so löst das schnell heftige Empörung bei manchen alten Genossen aus. Die Kritik wird als Treuebruch empfunden. Dahinter steckt wohl die Idee, die LINKE habe ganz vorwiegend die Aufgabe, DDR-Erinnerung und DDR-Biographien vor Anfeindungen aus dem bürgerlichen Lager zu schützen. Das ist nicht einmal ganz falsch. Denn das DDR-Bild dieses Lagers ist unausgewogen und hat mitunter nichts mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun. Die „Kritik“ dieses Lagers hat zudem unlautere Motive: Wem es gelingt, den DDR- Sozialismus übertrieben finster zu zeichnen, der senkt zugleich die Chancen, dass sich Sozialisten heute noch Gehör verschaffen können und Demokratischer Sozialismus in der Zukunft noch für ein erstrebenswertes gesellschaftliches Ziel gehalten wird.

Bei dieser Sachlage fällt es einigen sehr schwer, zu verstehen, warum ausgerechnet von
Brandenburger LINKEN in einem Aufruf in dieser Zeitung eine kritischere DDR- Aufarbeitung verlangt wurde. Dabei ist das Anliegen im Grunde ganz leicht zu verstehen. Die Motive liegen genau anders herum, als die oben für das bürgerliche Lager geschilderten. Gerade weil wir als LINKE die Utopie einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft weiter verwirklichen wollen, müssen wir zunächst verstehen, was bei dem ersten Versuch, Sozialismus auf deutschem Boden zu errichten, schief gelaufen ist. Wir müssen über Fehler, Missverständnisse, Versäumnisse und Verbrechen offen sprechen können. Das ist kein Treuebruch. Das ist die Wahrnahme einer echten Pflicht. Was für Sozialisten wären wir, wenn wir den Schutz unserer Biographien zwischen Datsche und Lada höher halten würden, als die Chancen nachfolgender Generationen endlich befreit von Ausbeutung zu leben? Man hat uns gesagt, unsere Thesen seien nicht ausgereift. Doch wir haben in unserem Papier auch keine endgültige Antwort geben, sondern eine Diskussion in Gang setzen wollen.

Man hat uns mitgeteilt, wir stellten Fragen, die längst geklärt wären: Die DDR sei an den
historischen Rahmenbedingungen, insbesondere am Wettrüsten gescheitert. Wir meinen,
dass diese Klärung keine ist, weil völlig unklar bleibt, wieso dann gerade der Osten den Kalten Krieg verlor. Man hat uns geschrieben, wir wären keine echten Marxisten. Nein, gläubiger Marxist ist keiner von uns. Ein Mensch, der immer Recht hätte, ist kein Philosoph, sondern ein Gott. Vom Menschen Marx aber wissen wir, dass ihn die Frage umtrieb, welche Fehler, welche Missverständnisse es beim Aufbau einer sozialistischen
Gesellschaft geben könnte.

Marx warnte eindringlich vor der Idee, Sozialismus bedeute, das Privateigentum an den Produktionsmitteln einfach in Staatseigentum zu überführen. Diese Gesellschaft sei nichts anderes als Staatskapitalismus, „eine Gemeinschaft der Arbeit“ mit „Gleichheit des Salärs, den das gemeinschaftliche Kapital, die Gemeinschaft als der allgemeine Kapitalist, auszahlt.“1 Diese Warnung vor einem ineffizienten ökonomischen Aufbau ist in der DDR gedruckt und verbreitet worden. Auch die Anmerkungen zum Erfurter Programm der SPD waren selbstverständlich frei verkäuflich. In ihnen zeichnet Engels ein Bild der parlamentarischen Demokratie, das mit den sozialistischen (?) Volksdemokratien rein gar nichts gemein hatte: „Man kann sich vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die neue hineinwachsen in Ländern, wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volks hinter sich hat: in demokratischen Republiken (...)“2

Gerade die Marxisten unter unseren Kritikern könnten einen wertvollen Beitrag leisten
zur kritischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Sie sollten einsehen, dass Erfolg und Misserfolg einer Ideologie sich im Ökonomischen erweisen. Sie besitzen daher das philosophische Handwerkzeug, um zu zeigen, dass die DDR weder am Westen gescheitert ist, noch 1989 an einem „konterrevolutionären Putsch“. Gescheitert ist der erste deutsche sozialistische Versuch vermutlich nur an einem: an sich selbst. Eine ehrliche Analyse dieses Scheiterns ist unsere Aufgabe heute. Wir wären denkbar schlecht beraten, diese Aufgabe denen zu überlassen, die schon das Ziel  einer gerechten Gesellschaft rundheraus ablehnen. Wir müssen unsere eigenen Aufgaben schon selbst erfüllen. Auch wenn es weh tut. Sonst tut es irgendwann noch mehr weh.

Paul Pikus

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1 vgl. MEW Ergänzungsband, 1. Teil, S.465-588, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1968, Ökonomischphilosophische Manuskripte, gesamtes 3. Manuskript: „Privateigentum
und Kommunismus“
2 F. Engels, Kritik des SPD-Programms von 1891, MEW 22, 234.