XXI. Babelsberger Tischgespräch (19. September 2015): Aufstieg und Fall eines Kirchengebäudes. Die Potsdamer Garnisonkirche.

Im Internet äußerte ich mich 2013 mit einem Beitrag für die Potsdamer LINKE zum „Tag von Potsdam“ und zu Diskussionen über den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Da in Veranstaltungen die Vorgeschichte des  21. März 1933 oft unzureichend behandelt und die  Rolle der Garnisonkirche im Faschismus so gut wie gar nicht erörtert wurde, folge ich gern dem Vorschlag Jörg Frankes, die Geschichte dieser Institution ausführlicher zu behandeln. Dabei geht es nicht nur darum, die Wurzeln der bis heute wirksamen Mythen bloßzulegen, die sich um die Garnisonkirche ranken, sondern auch den erbittert geführten Streit um ihren Wiederaufbau darzulegen, der stellvertretend für die Suche einer Stadt nach ihrer Identität steht. Um das Zeitvolumen nicht zu überschreiten, muss ich auf eine Analyse der breit gefächerten Leserbriefe zum Thema verzichten. Einschränkungen werde ich bei der Bewertung öffentlicher Diskussionen zum Wiederaufbauprojekt vornehmen, aber auch darauf verweisen, dass es Annäherungen in diesem Dialog gibt. 

Die 1735 vollendete Garnisonkirche, von Anbeginn Militärische Ruhmeshalle der Hohenzollern, war als Königs-- und Soldatentempel  zweckorientiert auf das Vaterländisch-nationalistische, vor allem ganz auf das Militärische und auf Heldenverehrung. Faktisch wirkte sie auch nach dem Sturz der Hohenzollern ungebrochen im alten Geist weiter - letztlich auch im Dritten Reich. Aufgehoben wurde diese Mission der Garnisonkirche auch nicht durch den viel zu späten Widerstand einzelner Offiziere des Infanterie-Regiments Nr. 9 gegen das NS-Regime. „NEC SOLI CEDIT  - Auch der Sonne weicht er nicht“, der schwarze preußische Adler. Der auffliegende Adler, auf dem Turm der Garnisonkirche neben einer Kanonenkugel und den Initialen des Königs „FWR“ angebracht, schwebte als verewigter Schlachtruf des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. auch im Kirchenraum - als Allegorie beigegeben - , auf dem Kanzelkorb und über der Orgel. Friedrich II. baute die Kirche, die architektonisch ein Meisterwerk norddeutscher Barockkunst war,  zur Rechtfertigung seiner Eroberungskriege als Ruhmeshalle des Militärs weiter aus. Auch Friedrich Wilhelm III., der sich zunehmend – und das wurde bestimmend für die Rolle der Garnisonkirche – auf die in ihr wirkenden Prediger stützte. Bei allen Hohenzollernherrschern wurden die in der Königlichen Hof- und Garnisonkirche tätigen Militärgeistlichen zu Multiplikatoren des unseligen preußischen Geistes, des Geistes von Potsdam. Sie schlossen fast ausnahmslos ein enges Bündnis mit Thron und Militär, um, wie der Prediger Reichhelm während der 48er Revolution schrieb, „den Geist der Treue gegen des Königs Majestät und den Gehorsam … in den Soldatenherzen…“ zu befestigen.  Und der Prediger Bernhard Rogge meinte bei seiner Rückschau auf die 3 Kriege der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das diese „unserem Volk von Gott besonders geschenkt worden wären, um dasselbe zu den Kämpfen zu stärken…“

Für Theodor Fontane war die Potsdamer Garnisonkirche „Symbol (…) des Militärstaates Preußen“. „Vieles in diesem ewigen Drill“, der so eng mit dem preußischen Staat verbunden war, blieb ihm „ein Greul“. Andererseits aber meinte er - mit Blick auf sein eigenes Schaffen -, das „wahre Preußentum“  habe eine große Wirkung auf die deutsche Literatur ausgeübt. Das ist nicht die Schärfe der Sprache, mit der Franz Mehring das Preußentum kritisierte, wobei es ihm fern lag, alle preußische Geschichte samt und sonders zu verdammen. Beide leugneten nicht, dass es einen unrühmlichen preußischen Geist gab. Publizisten wie Günter Wirth und Christian Graf von Krockow verwiesen auf ihn, werteten in ihrer kritischen Sicht auf die Geschichte Potsdams den Terminus „Geist von Potsdam“ jedoch differenziert, weil es für sie auch zu den geistigen Wurzeln dieser Stadt gehöre, sie nicht nur auf ihren Un-Geist zu reduzieren.

Den unseligen Potsdamer Geist demonstrierte die Militärkirche mit ihren Feiern, in denen sie Krieg, Sieg und Beute pries. In diesem Sinne stellte sie sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges in den Dienst der aggressiven Politik des deutschen Imperialismus. „Und dann kam die Belastungsprobe für uns alle – unvergesslicher August 1914“, schrieb einer der Hof- und Garnisonprediger. „Es war grotesk schön, wie es auffuhr, das stolze schwertgewaltige Deutschland: wie sie sich herzudrängten, die Kriegsfreiwilligen…“ Woran hier appelliert wurde, das hatte am Ende des I. Weltkrieges mit Hilfe seiner „Ruhmeshalle“ und ihrer Prediger im Talar für eine grausame Todesernte gesorgt. In der Weimarer Republik lebte der unselige „Geist von Potsdam“ weiter, von dem die Garnisonkirche ein Teil blieb, nun ohne den obersten Landes- und Kirchenherrn. Es sei geglückt, den Potsdamer Geist in der neuen Reichswehr in der Garnisonkirche zu verankern, jubilierte einer der Garnisonspfarrer ein Jahr vor jenem unrühmlichen 21. März 1933.Der damalige französische Botschafter in Berlin, Andre Francois-Poncet, sah in der Eröffnung des neuen Reichstages in der Potsdamer Garnisonkirche an jenem Tage eine Symbiose von reaktionärem Preußentum und Naziführung. Mit dem Staatsakt selbst, so der Zeitzeuge, wollte man dem deutschen Volk ein Symbol bieten, das verstehen werde, „dass Hitler Deutschland erweckt habe“.

Kritische Wertungen zu diesem Ereignis fanden sich partiell in ausländischen Zeitungen. Die „Times“ charakterisierte es als das „Ende der Demokratie, der bürgerlichen Rechte und des Gedanken des Friedens“ in Deutschland, zumal die Veranstaltung vor dem Hintergrund innenpolitischen Terrors stattgefunden habe. Gerade dieser Zusammenhang wird bei Befürwortern des Wiederaufbaus der Kirche oft verdrängt. (Mitunter auch in der hiesigen Presse, wenn die das Ereignis nur auf den Handschlag Hindenburgs mit Hitler reduziert wird.) Der scharfsinnig beobachtende Potsdamer Schriftsteller Hermann Kasack hingegen notierte damals, dass mit dem 21. und dem 24. März 1933 - also dem Tag der Annahme des Ermächtigungsgesetzes -  „nun auch formell der Faschismus in Deutschland Wirklichkeit geworden (ist).“ Eine deutlichere Aussage eines Zeitzeugen zur Instrumentalisierung der Garnisonkirche durch den Faschismus und damit auch zum TIEFPUNKT ihres Aufstiegs. Für den damaligen Potsdamer Oberbürgermeister Rauscher war der Vorgang, mit der „der neue Reichstag durch einen feierlichen Staatsakt in unserer Garnisonkirche seine Weihe erhielt“, ein Höhepunkt ihres Aufstiegs, denn es war, so Rauscher weiter, die Rückkehr zu jener Staatsgesinnung, „die Preußen-Deutschland schuf und zur Weltmacht werden ließ“Potsdam stand am 21. März weitgehend im Zeichen der monarchistisch-konservativen Tradition, die sich in der Begeisterung von 250 000 bis 300 000 Menschen und der gemeinsamen Parade von Reichswehr, Stahlhelm, Polizei, SA, SS von Kriegervereinen und Sportverbänden offenbarte, mit der besonders Hindenburg gefeiert wurde.

Für die meisten Potsdamer war das ein Tag der Freude erinnerte sich Wilhelm Stinzing, ehemaliger Potsdamer Pfarrer, der als 19-jähriger dabei war.  Er war durch eine wirksame Propaganda der NS-Führung inszeniert worden, in Übereinstimmung mit der politischen Führung der Stadt und insbesondere mit  dem  Militärgeistlichen Koblank.  Ein nicht unwesentlicher Teil historischer Verantwortung für den symbolischen Gründungsakt des Dritten Reiches, schreibt Martin Sabrow, gebührt indes „der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem immer stärkeren Verlangen nach einer umfassenden Zeitenwende…“ Ab 1933 nutzten die NS-Machthaber den „Mythos“ Garnisonkirche mit zahlreichen Veranstaltungen zur Verbreitung des militärischen Geistes und der Nazi-Ideologie. Eindeutige Bekenntnisse zu Hitler gab es in der Garnisonkirche zum Tag des „Heldengedenken“, zum Tag der Machtergreifung sowie zum Hitler-Geburtstag. Das „Potsdamer Heiligtum“ war zum Kultort der braunen Machthaber geworden. Bei einer der Weihen von HJ-Bannern im Januar 1939 war schon zu erkennen, wie die Jugend symbolisch auf faschistische Kriegsziele eingestimmt werden sollte.

In der unmittelbaren Vorkriegszeit zeichnete sich bei manchen Potsdamer Heerespfarrern und Garnisonpredigern deren Bereitschaft ab, ihren ganz spezifischen Beitrag zur Kriegspropaganda zu leisten, ähnlich dem ihrer Amtsbrüder während des Ersten Weltkrieges. Folgenschwere Kontinuität!Die Garnisonkirche sei eine „ambivalente Ikone …, und dies“, so Martin Sabrow, Direktor des Zeithistorischen Instituts, „stellt die Wiederaufbaupläne vor eine historisch begründete Herausforderung“. Wissenschaftler Potsdamer Institutionen setzten sich nachdrücklich mit dem Wiederaufbauprojekt auseinander – vereinzelt mit kontroversen Beiträgen. So der Direktor des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kurt Winkler, für den die Ablehnung des Wiederaufbaus nicht aus der Geschichte begründet werden kann. Die Potsdamer Historikerin Carmen Winkel setzte dagegen, dass es der Garnisonkirche nie gelungen ist, zu einem positiv bewerteten nationalen Erinnerungsort zu werden. Dass es der NS-Führung gelang, die Reichswehr wie das konservative Bürgertum der Stadt für ihre Zwecke einzubinden, urteilt der Militärhistoriker Bernhard Kroner, verleihe dem „Tag von Potsdam“ eine „negative Faszination“.

Es sei keine sinnvolle Idee für ein Konzept des Erinnerns, so 2013 ein Historiker in einer Veranstaltung in der Interimskapelle, wenn die Kirche äußerlich originalgetreu errichtet und damit schlicht die Geschichte geleugnet werde.In der Stiftung Wiederaufbau Garnisonkirche ist ein Bestreben zu registrieren, die Aufarbeitung der Geschichte der Kirche mit dem Versöhnungsgedanken zu verknüpfen. Die von ihr vertretene Versöhnungsidee fungiert als ein zentrales Argument für den Neuaufbau der Garnisonkirche – offensichtlich auch mit dem Ziel, einlenkend auf den Streit um das Wiederaufbauprojekt einzuwirken. Der wiederaufzubauende Kirchturm soll deshalb ein Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit werden. Diese Vorstellung  gründet sich vor allem auf dem relativ kritischen Umgang mit der Geschichte der Kirche durch Dr. Martin Vogel, Theologischer Vorstand der Stiftung. Der Wiederaufbau der Kirche solle mit dem Ziel erfolgen, sie als Lernort zu nutzen, erklärte er 2013 auf einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Potsdam. Ähnlich äußerte er sich  im Juni 2015 auf einer Veranstaltung der Potsdamer Grünen.

Auch die ehemalige Pfarrerin in der Interimskapelle an der Garnisonkirche, Juliane Rumpel, verwies auf die Notwendigkeit dieser Lernarbeit, bei der es möglich sein müsse, eine „Rekonstruktion“ des Tages von Potsdam mit neuem Blick vorzunehmen. Im Hinblick auf den Wiederaufbau der Kirche forderte sie eine „Versöhnungs-arbeit“, bei der „man (…) hier neu und auch ein wenig kreativ denken (muss), zum Beispiel an Versöhnung von Tradition und Moderne…“.Die jetzige Pfarrerin an der Nagelkreuzkapelle Cornelia Radeke-Engst verwies  in ihrer Einführungspredigt auf den Zusammenhang von Versöhnung und Erinnerung, indem sie an die berühmte Weizsäcker-Rede von 2005 erinnerte, in der er gewarnt hatte, nicht die Augen vor der Vergangenheit zu verschließen, sondern zu verstehen, „dass Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht sein kann.“

Frau Radeke-Engst, die bekundete, dass wir einen Ort bauen, an dem Vergangenheit reflektiert und Schuld bekannt wird, führte 2014 diese Absicht allerdings nicht zu einer konkreten Auseinandersetzung mit der historischen Schuld, die die Garnisonkirche unzweifelhaft trug. Ein Jahr später erklärte sie, dass die Positionen von Gegnern und Befürwortern über weite Strecken verhärtet sind, und es könne erst gebaut werden, wenn zwischen den Beteiligten ein breiter Konsens darüber erzielt worden sei, „dass unsere Väter und Mütter Täter waren“. Ein solches Schuldbekenntnis müsse zumindest noch klarer formuliert werden. Zugleich sagte sie, dass das Kirchengebäude nicht etwas für seine Geschichte könne, sondern dass es Menschen gewesen seien, von denen das nationalsozialistische Unheil ausgegangen sei. Eine Abkehr vom Wiederaufbauprojekt ist dies nicht.

Diametral entgegengesetzt zum Versöhnungsgedanken der Befürworter des Wiederaufbaus stellte die 2014 veröffentlichte Erklärung „Christen brauchen keine Garnisonkirche!“ fest: „Wir bezweifeln, wie der geplante Neubau dem Konzept eines `Versöhnungszentrums´ entsprechen kann, wenn schon die Zusage nicht mehr gilt, die Kirche unter das Nagelkreuz von Coventry zu stellen.“ Die von mehr als 70 Pfarrern, Theologen und anderen prominennten Kirchenmitgliedern unterzeichnete Erklärung richtet sich gegen eine Verdrängung historischer Schuld der Garnisonkirche. „Weil Kriege, Militarisierung der internationalen Beziehungen und Missbrauch  von Religion zu kriegerischer Hetze bedrohlich aktuell sind …, weil auch in Deutschland“ so die Erklärung, „gegen eine `friedensverwöhnte´ Gesellschaft polemisiert und ein Ende der militärischen Zurückhaltung gefordert wird, brauchen wir heute ein anderes Zeichen als eine neue Garnisonkirche“. Christliche Zeichen des Friedens müssen eindeutig sein, forderte auf dem diesjährigen evangelischen Kirchentag in Stuttgart die Initiative. Denn diese „Kirchenkopie zu bauen ist ein falsches und auch international ein fatales, ein peinliches Zeichen“, erklärte ihr Sprecher Wolfram Hülsemann.

Die von der Initiative herausgegebene Kirchentagszeitung „Protest“ setzte sich mit dem Stiftungszweck auseinander, der insbesondere „durch Friedens- und Versöhnungsarbeit…“ verwirklicht werden soll. Doch die martialische Außenform des Turmes werde zur Öffentlichkeit lauter reden als der versprochene Versöhnungsgeist von innen, schreibt Günther Köhler im Kirchentagsblatt, und setzt hinzu: „Der Verzicht auf die bereits vorliegende Turmbaugenehmigung wäre ein deutlicheres Friedenszeichen.“Für Martin Sabrow, der der Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche wichtige Impulse verlieh, steht diese „in einen eigenen Referenzrahmen, der … auf eigentümliche Weise Abstand und Nähe miteinander zu versöhnen sucht.“ Dabei stehe auf der einen Seite „die Authentizitätssehnsucht“, und auf der anderen Seite „die Distanzierungskraft der Erinnerung, die zur Umkehr mahnt und die Schrecken der Vergangenheit wach hält, um vor ihrer Wiederkehr zu schützen.“

Eindringlich verweist er darauf, die Versöhnung als etwas Zusätzliches einzuordnen, das sich in der Auseinandersetzung über Wiederaufbauprojekt herausbilden kann. Und er mahnt: Versöhnung „braucht die Wahrheit und oft auch Zeit…“ Diese Erwartung führe zwingend zur Anerkenntnis der historischen Schuld, die die Garnisonkirche auf sich geladen hat. Ein hoher Anspruch. Er gilt auch für den Historiker Sabrow, der – mit einer rhetorischen Wendung - dem Wiederaufbauprojekt jedoch eine Realisie-rungschance einräumt, so es denn „darum geht, das Zeugnis der Vergangenheit zu restaurieren, nicht aber die Vergangenheit selbst.“ „Der geplante Wiederaufbau der Garnisonkirche spaltet die Potsdamer Bürgerschaft“, heißt es in der Erklärung „Christen brauchen keine Garnisonskirche“.

Gegen ihren Wiederaufbau sprachen sich bekanntlich auch die Parteien Die Linke, Die Andere und, mit differenzierten Aussagen, die Grünen aus. Erforderlich ist es, dass ihre Argumente gebündelt werden und in einen überzeugenden Dialog die Front der Gegner des Wiederaufbauprojekts verbreitert wird. Meines Erachtens besitzt die Erklärung „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ hierfür eine große Signalwirkung. Ihr kann im gegenwärtigen Dialog eine breite öffentliche Zustimmung nicht versagt bleiben. In  den veröffentlichten Meinungen zum Wiederaufbauprojekt kann es wirklich nicht überraschen, dass die Stimmen der Restaurationskritiker immer wieder vorherrschen, meint Professor Norbert Bolz. „Die Konservierung einer Ruine ist politisch korrekt, ihr Wiederaufbau dagegen gilt als `frivol´“, erklärte der Trendforscher Norbert Bolz 2005.

Der Autor des vorliegenden Beitrags stellt sich angesichts der gesellschaftlichen Bedingungen in der Bundesrepublik wie des politischen Kräfteverhältnisses in Potsdam (und damit verbundener öffentlicher Einflussnahme) den bestehenden Realitäten: Ein Neuaufbau des Kirchturms ist offenbar nicht zu verhindern. Meine Ablehnung des Wiederaufbauprojekts korrespondiert zugleich mit der Auffassung, dass deshalb die Nagelkreuzkapelle als Ort konsequenter Auseinandersetzung mit der historischen Last der Garnisonkirche wahrhafter  Ausdruck von Versöhnung und Frieden werden muss. Historisches Verständnis und politisch-moralische Verantwortung gebieten das. Indes stehen wir in dieser Welt vor größeren Herausforderungen, die bei den Diskussionen um das Wiederaufbauprojekt nicht in den Hintergrund treten dürfen. „Die Welt werde“ so meine hier im Frühjahr 2015 notierte Warnung des UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres, „Zeuge eines unkontrollierten Abgleitens in eine Ära, in der das Ausmaß der globalen Vertreibung sowie die notwendige Antwort alles Bisherige in den Schatten stellen.“ Angesichts der uns alle bewegenden Asylantenproblematik ist daher nach der Verantwortung der Befürworter des Wiederaufbaus der Garnisonkirche zu fragen, ob denn nicht andere Probleme die Gesellschaft bewegen als der originale Wiederaufbau eines Gebäudes, das historisch so schuldbeladen ist.

Fritz Reinert

(Für die Debatte schlug ich vor: Kritik an der Sprengung der Kirchenruine 1968 und die Versöhnungsproblematik im Kontext mit dem aufrechtzuhaltenden Dialog zum Wiederaufbauprojekt.   F. Reinert)