Die Linke und die Affektbilanz

Das oft beobachtbare und inzwischen empirisch bestätigte Faktum, dass linke Menschen unglücklich sind, obwohl das Glück des Menschen eines ihrer Ziele ist oder sogar ihr Hauptziel ist, stellt ein politisch und psychologisch hochinteressantes Paradox dar, welches viele Implikationen für die Art und Weise von Politik hat, aber natürlich auch für Linke insgesamt. Ein Schlüssel zum Verständnis dieses Paradoxes ist das Konzept der Affektbilanz.

Unter Affekten versteht die Psychologie Gefühlslagen, welche die Menschen beeinflussen, wobei diese Beeinflussung als angenehm oder unangenehm erlebt wird. Angenehme Affekte umfassen zum Beispiel Freude, erwünschte Nähe und Intimität oder auch Respekt und gefühlte Wertschätzung. Unangenehme Affekte sind zum Beispiel Angst, Trauer und Wut oder das Gefühl, zurückgesetzt zu werden. Folglich lassen sich positive und negative Affekte unterscheiden. Wenn beides im subjektiven Erleben einander gegenüber gestellt wird, dann ergibt sich daraus die Affektbilanz. Die Affektbilanz ist eng mit dem Gefühl von Glück oder Unglück verwandt, da diese die Prototypen positiver bzw. negativer Affekte darstellen. Daher stellt sich die Frage, inwieweit Glück und dessen Thematisierung für die Linke von Relevanz ist bzw. es sein sollte.

Die Beschäftigung mit Glück als Topos des Individuums oder der Gesellschaft hat eine lange Tradition und Historie. Für Platon war die Ataraxie der Seele, das heißt wörtlich ihre Nichterschütterung, ein zentrales Thema der Lebensgestaltung. Diese Erschütterung sollte zum einen durch einen geruhsamen, philosophischen Lebensstil erreicht werden, aber auch durch die Vermeidung von Unglück. Das heißt er hat das Glück ex negativo als Ziel definiert. Die aristotelische Philosophie, welche grundlegend als teleologisch, das heißt auf ein Ziel hin ausgerichtet, charakterisiert werden kann, befasste sich viel mit der eudaimonia, also wörtlich dem guten Schicksal, welches letztlich dann auch im Erleben von Glück kulminiert.

Die eudaimonischen Konzepte gibt es bis heute in vielen Bereichen der Psychologie, auch wenn Aristoteles nicht explizit erwähnt wird, so zum Beispiel in der Positiven Psychologie, aber letztlich auch der humanistischen Schule der Psychologie. Epikur hingegen verband Glück mit der hedone, also wörtlich einer gewissen Süße, aus der heraus sich sein Konzept des Hedonismus entwickelte, welches vorrangig besagt, dass Lustgefühle zu suchen und Unlustgefühle zu vermeiden sind. Nach heutiger Lesart sollte also gemäß der epikureeischen Philosophie die Affektbilanz optimiert werden. Hierbei wurde die Freude allerdings nicht im heutigen, ausschweifenden Sinne von Hedonismus verstanden, sondern sie sollte eher in der Natur, der Mäßigung und der Freundschaft gesucht werden. Der englische Philosoph Jeremy Bentham sah als die grundlegende Maßgabe des individuellen Verhaltens, aber auch politischer Entscheidungen das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl, eine philosophische Doktrin, welche heute auch als ethischer Utilitarismus bekannt ist.

Leider hielt dieses ehrenwerte Prinzip Bentham nicht davon ab, mit Konstruktionsplänen für das Panoptikum, also wörtlich das Allessehende, eine Grundlage für den heutigen Überwachungsstaat zu liefern und damit sicher nicht zur Verbesserung der Affektbilanz beizutragen. Die Idee, dass Glück ein Ziel der Politik sein sollte, wurde in der Neuzeit immer populärer und geteilter. So gewann das Thema Glück durch das Aufkommen des „Journal of Happiness Studies“ mehr Raum in der Wissenschaft. Ein enormer Kritiker der Vorstellung, dass Glück ein normatives Ziel der Politik sein solle, war jedoch der Philosoph Karl Popper, welcher meinte, dass der Staat ja nicht wissen oder festlegen könne, was das Glück eines Individuums ist, diese Zielstellung zu Allmachtsvorstellungen führe und somit den Weg in den Totalitarismus ebne, wie es nach seiner Denkungsart im ehemaligen Ostblock geschehen sei.

Dem kann heute entgegengehalten werden, dass die Glücksforschung nun schon auf einige Jahrzehnte Erfahrung zurückschauen kann und wir daher Vorstellungen davon haben, was Menschen glücklich macht. Einige zentrale Befunde sind die, dass gemeinsame Aktivitäten, erfüllte zwischenmenschliche Beziehungen, eine intakte Natur und das Gefühl persönlicher Weiterentwicklung glücklich machen, während Krankheiten, Arbeitslosigkeit und menschliche Zurückweisung unglücklich machen.

Nun stellt sich gemäss des Themas in diesem Essay die Frage, ob es eine Differenz in der Verteilung des Glücksempfindens anhand des politischen Links-Mitte-Rechts-Schemas gibt. Einer dänischen Studie von Bjornskov und anderen aus dem Jahre 2007 konnte nachweisen, dass das selbstberichtete subjektive Wohlempfinden bei Linken geringer ausgeprägt ist als bei Konservativen (Christian Bjørnskov & Axel Dreher & Justina Fischer, 2008. „Cross-country determinants of life satisfaction: exploring different determinants across groups in society“ Social Choice and Welfare, vol. 30(1), pages 119-173). Durch die Verwendung des World Values Survey konnten hierbei die Daten von 90.000 Menschen hierbei ausgewertet werden. In der Analyse der Forscher geht es hierbei vor allem um die von politisch links stehenden Menschen stärker wahrgenommenen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, welche diese zum Unglücklichsein veranlassen. Dass dieser endogene Faktor für die tendenziell negative Affektbilanz  der politischen Linken mitverantwortlich ist, soll nicht bestritten werden. Wahrscheinlich ist aber bei den genuin makropolitischen Erklärungsansätzen noch ein weiterer hinzuzufügen: Die Unterschiedliche Differenz zwischen dem aktuellen Ist-Zustand der Gesellschaft und dem jeweils intendierten Sollzustand je nach politischer Weltanschauung. Natürlich gibt es keinen einheitlichen liberalen, sozialdemokratischen, konservativen oder gar linken gesellschaftlichen Sollzustand, wohl aber ein paar Grundpfeiler wie sozialen Ausgleich, reale Teilhabe und Chancengleichheit, ein friedliches Miteinander und ein solidarisches Handeln. Die kapitalistisch-postmoderne Realität heute ist aber deutlich näher an den Wunschvorstellungen der Sozialdemokratie oder der Christdemokratie dran, weshalb der gesellschaftliche Status Quo für diese nicht so eine Quelle negativer Affekte sind, wie dies für Linke der Fall ist.

Leider gibt es neben den genuin politischen Faktoren auch bestimmte selbstverschuldete Faktoren, welche die Affektbilanz der politischen Linken negativer gestalten. Diese finden sich vorrangig in ihrer politischen Kultur und Kommunikation. Diese Faktoren sind meines Erachtens sowohl vermeidbar als auch hinderlich Kampf um politische Hegemoniefähigkeit.

Vieles dieser selbstverschuldeten Faktoren speist sich aus der Kommunikationskultur innerhalb der politischen Linken. Denn gerade im linksakademischen Spektrum und vielen Lesekreisen, aber oft auch bei normalen Parteiveranstaltungen, gibt es den intellektuellen Imperativ, besonders kritisch zu sein. Inwieweit sich dies aus der Tradition der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule sich immer noch ableitet und somit auch als Adornos späte Rache bezeichnet werden kann, ist nicht genau abschätzbar. In jedem Falle führt dies dazu, dass auf einen sachlichen Beitrag, eine Rede oder einen Vorschlag im linken Kontext mehr Entgegnungen und Kritiken zu erwarten sind, als dies anderswo der Fall ist, was dann zu einem subjektiven Gefühl der Zurücksetzung und geringen Wertschätzung führt. Gerade wenn die Zugehörigkeit zur politischen Linken sich aus dem persönlichen Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit, dem so genannten Anschlussmotiv, speist, ist die Wirkung für die Affektbilanz besonders verheerend. Denn oft lassen die (meist männlichen) Kritiker/innen in ihrem Kommunikationsstil auch die etymologischen Wurzeln des Wortes Kritik erahnen, welches „unterscheiden“, „beurteilen“, aber eben auch „richten“ in seiner historischen Bedeutung meint.

Ein weiteres, hieran gekoppeltes Beispiel ist die Auseinanderdividierung der politischen Linken an bestimmten Fragen wie der Nahostfrage oder der Genderfrage, welche intergenerational reproduziert wird und somit für viele Außenstehende den Eindruck erweckt, als würde sich inhaltlich bei der politischen Linken wenig tun. Bei ihnen wird die Affektbilanz also schon beim Gedanken an die politische Linke negativ tangiert.


Aber gerade das Genderthema birgt einige Paradoxien, welche hochrelevant für die Affektbilanz sind. Es gibt in vielen linken politischen Gruppierungen den gesinnungsethisch begründeten Standard, dass eine gendergerechte Formulierung Standard zu sein hat und das eigene Verhalten Geschlechterrollen kritisch reflektieren soll. Dies ist soweit a priori verständlich. Allerdings führt es in der Praxis zu einigen Problemen. Denn diejenigen, die die wirklichen Adressaten (bewußte Verwendung des Maskulinums!) feministischer Kritik sein sollten, wie Patriarchen, Machos, Prolls oder eben politisch Konservative, sind aufgrund ihrer Nichtübereinstimmung mit der politischen Linken nicht Mitglieder linker Gruppierungen und somit für feministische Kritik nicht wirklich erreichbar. Die feministische Kritk sucht jedoch einen Resonanzraum und findet diesen dann innerhalb der Gruppe, und das oft mit platonischem Wahrheitsanspruch der eigenen Theorie. Dadurch werden Menschen, die sich politisch links verorten, aber in bestimmten Geschlechterfragen andere Auffassungen haben (z.B. quotierte Redner/innenlisten, das Nichtteilen der Auffassung, dass Frauen strukturell benachteiligt sind u.ä.) scharf kritisiert, was ihrerseits dann aber oft auch Widerstände erzeugt. Und da sie einer solchen Form von Kritik in nicht-linken Kontexten nicht ausgesetzt sind, sinkt für sie das relative Glückserleben des Linksseins. Ihre Affektbilanz verschlechtert sich. Aber auch die Feministinnen unterschiedlichster theoretischer Herkunft sehen sich durch den Widerstand der Erreichbaren in ihrer pessimistischen Sicht bestärkt, was dann wiederum ihre Affektbilanz verringert.

Ein weiterer ganz zentraler Punkt ist die Machtfrage. Inspiriert durch die Studentenbewegung 1968, aber auch weitere theoretische und kulturelle Einflüsse wurde die Hierarchiekritik oder der Wille zu einer antiautoritären politischen Praxis zu einem Topos der politischen Linken. Hier scheiden sich zum einen je nach politischer Organisationsform die linken Geister. Vor allem aber ist in Gruppen oft das Phänomen informeller Hierarchien sichtbar, bei bestimmten Plena gut operationalisierbar über die Anzahl der Redebeiträge. Das aber wiederum führt dazu, dass eine Diskrepanz zwischen dem Ideal und der Praxis entsteht, die natürlich kognitive Dissonanzen auslösen, welche ihrerseits dann unglücklich machen und die Affektbilanz negativieren.

Und genau hier setzt einer der Hauptmechanismen für die Affektbilanz relevanten Politmechanik der politischen Linken an. Was die Linke auszeichnet und zugleich behindert, sind die hohen moralischen Ansprüche, die sie formuliert. So hat zum Beispiel die Partei DIE LINKE mit Solidarität, Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Freiheit gleich 6 Wertbasen, die es simultan zu bedienen gilt. Viele linksradikale Gruppen haben einen reichhaltigen Fundus an Grundsätzen, und die Verhaltensregeln in manchen linken Kneipen übertreffen in ihrer Länge und Detailliertheit manche Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Natürlich ist es richtig, dass das Ziel, die Welt im (selbstdefiniert) positiven Sinne zu verändern, einiges an Wertebasen und Verhaltensregeln voraussetzt. Allerdings führt dies in der Praxis oft nur zu einem: Dass die politische Linke an den eigenen Ansprüchen scheitert. Dies kulminiert dann oft in Spaltungen, persönlichen Zerwürfnissen und Enttäuschungen, vor allem aber in mangelnder politischer Handlungsfähigkeit. Und die damit einhergehende Enttäuschung wird dann oft auch ausgestrahlt, was die Attraktivität der politischen Linken noch weiter mindert.

Doch natürlich soll dieser Text nicht, wie so oft bei der politischen Linken, bei der Analyse und Kritik stehenbleiben (und auch dadurch die Affektbilanz verringern), sondern zumindest grobe Ideen geben, wie selbstproduziertes Leid vermieden, somit die Affektbilanz verbessert und damit schließlich auch die politische Handlungsfähigkeit erhöht werden kann.

Erstens kann der zentrale Wert wertschätzender Kommunikation nicht oft genug herausgestellt werden. Die Akzeptanz von Differenzen, das gegenseitige Ausredenlassen, aber auch die Nutzung von Metakommunikation statt bestimmter Machtspiele (die offiziell natürlich keine sein dürfen) sowie ein empathisches und aktives Zuhören ist hier essentiell.

Zweitens sollten die Ansprüche an sich selbst und die Mitstreitenden heruntergeschraubt werden. Nicht jeder Witz ist gleich ein Verstoß gegen eigene Grundsätze. Nicht immer können wir allen Anforderungen genügen. Und bestimmte menschliche Eigenheiten sind einfach zu respektieren, statt sie sofort zu politisieren.

Drittens ist die legitime Kritik eher an die wirklichen Adressat/innen als primär an die eigenen Genossinnen und Genossen zu richten. Denn dieses führt letztlich nur zu selbstreferentiellen Debatten, aber keiner Änderung der Gesellschaft.

Viertens sollte öfter als bisher folgender Gedanke bzw. folgende Frage das politische Handeln leiten: „Welche Gefühle löst mein Verhalten bei der jeweils anderen Person aus?“. Dadurch wird ein gewisses Maß an Selbstbeschränkung meist schon erreicht, und die Produktion inhaltlicher oder politischer Widerstände somit verringert.

Und Fünftens sollten glücksspendende Faktoren stärker als bisher Teil der politischen Kultur und Praxis der politischen Linken werden. Eine Linke, die zum Lachen in den Keller geht, gewinnt keinen Blumentopf. Aber eine, die Solidarität lebt, gemeinsame Erlebnisse pflegt und im Inneren tatsächlich eine Alternative zur beschleunigten Ellenbogengesellschaft tatsächlich lebt, könnte über das Prinzip des Modelllernens die Gesellschaft beeinflussen.


Moritz Kirchner
Diplom-Psychologe
Mitglied des Kreisvorstandes DIE LINKE Potsdam

Der Essay spiegelt ausschließlich die persönliche Ansicht des Autors wider.