von Moritz Kirchner
Wer dieser Tage durch die Stadt Potsdam flaniert, eine lokale Tageszeitung liest oder sich das gebotene Kulturprogramm der Stadt Potsdam betrachtet, kommt um den Eindruck eines gewissen Hypes um Friedrich II. anlässlich seines 300. Geburtstages nicht herum. Die Rezeption des preußischen Monarchen ist auch per se nicht das Problem, die Einseitigkeit jedoch schon. Denn der Eindruck einer Verklärung tut sich in starkem Maße auf. Und da über die Interpretation der Geschichte letztlich auch die Kategorien zur Interpretation der Gegenwart sowie der Kampf um Deutungshoheit geführt wird, möchten wir als Potsdamer LINKE zu einer differenzierten Betrachtung Friedrichs und somit auch Preußens beitragen.
Interessant ist, dass es in der Stadt Potsdam drei Bezeichnungen für Friedrich II. Gibt, welche jeweils für sich einen Teil der Wahrheit ergeben, in der Gesamtschau aber ein sehr treffendes Bild: Der „Alte Fritz“, welches sich auf den volksnahen Monarchen bezieht, „Friedrich der Große“ als das Signifikant seiner meist konservativen Verehrer und, interessanterweise genau im Stadtzentrum und in großen Lettern: „Friederisiko“, was die Ambivalenz dieser historischen Figur und Persönlichkeit aufzeigt. Und letzteres trifft Friedrich II. wohl deutlich besser als „Der Große“, welcher implizit oder explizit in der Gedenkkultur der Stadt immer wieder durchkommt. Natürlich hat der preußische König viele Verdienste, welche gerade vor dem Hintergrund seiner zeitgeschichtlichen Epoche wegweisend waren.
Die Abschaffung der Folter, der Kampf für den Toleranzgedanken, die Aufhebung der Zensur für den nichtpolitischen Teil der Zeitungen und viele Reformen, die auch für das einfache Volk Verbesserungen beinhalteten, stehen definitiv auf der Habenseite. Und natürlich war er eine interessante, bildungsbeflissene und vielseitige Persönlichkeit und somit auch an sich spannend. Doch schon bei vielen anderen seiner Taten wird die Betrachtung schwieriger. Natürlich setzte er sich für Toleranz und die Integration der Hugenotten ein, legte viele vorher unfruchtbare Flächen wie das Oderbruch trocken und schuf durch seine „Peuplierungspolitik“, welcher der Ansiedlung neuer Bewohner Preußens dienen sollte, einer für seine Zeit fortschrittliche Immigrationspolitik. Und konkret ging es zum Beispiel den Hugenotten deutlich besser in Preußen als in Frankreich. Jedoch war diese Politik eben oft weniger aus Idealismus, sondern vielmehr aus einem instrumentellen Verständnis heraus entstanden, da er zum einen mehr an qualifizierter Bewohner Preußens brauchte, um die vergleichsweise wirtschaftliche Rückständigkeit aufzuholen, vor allem aber, um Menschenmaterial für seine zahlreichen Kriege zu führen.
Und genau hier fängt eben die Problematik und das „Friederisiko“ an. Natürlich wäre es intellektuell zu einfach, Friedrich einfach nach heutigen historischen Maßstäben als Imperialisten zu brandmarken. Es gibt in seinem Verhalten auch kaum einen Unterschied zu anderen Herrschern seiner Zeit. Jedoch ist es wichtig, ihn an seinen eigenen Maßstäben zu messen. Und genau diese hat er in seinem „Antimacchiavell“ dargelegt, wenngleich heute nicht klar ist, wie viel Voltaire in diesem steckt. In diesem rechnet er mit der kalten Machtpolitik seiner Zeit und somit faktisch auch mit dem Politikstil seines Vaters ab und begründet tatsächlich die auch aus heutiger Sicht progressiven Elemente seiner Politik. Der Unterschied zwischen Friedrich Wilhelm I. Und Friedrich II. War jedoch folgender: Während der Vater die Armee akribisch aufbaute, setzte Friedrich II. Sie skrupellos ein. Denn schon kurz nach der Thronbesteigung trieb er Preußen in die ersten Schlesischen Kriege, welche nach seinem eigenen programmatischen Anspruch nicht begründbar sind. Und auch die spätere Verehrung ist hoch fragwürdig, denn so sehr er sicher viele militärische Erfolge feiern konnte (in denen er viele seiner Untertanen opferte): Nach der verheerenden Niederlage in der Schlacht von Kunersdorf war es reines Glück, dass die Kriegsgegner Österreich und Russland eben nicht auf Berlin marschiert sind. Das Ergebnis des Siebenjährigen Krieges war eben nicht nur seinem Genius zu verdanken.
Friedrich II. war die Verwirklichung des platonischen Gedankens, einen Philosophen als König auf dem Thron zu haben. Doch genau so, wie Platon in Syrakus seinerzeit gescheitert ist, so kann auch die Regentschaft Friedrichs II. nicht als einziger Glücksfall betrachtet werden, in welchem der Herrscher nur nach dem Wahren, Schönen und Guten strebte. Leider strebte er doch zu oft auch nach Aufrüstung, Ruhm und Expansion. In Zeiten, in denen Kriege zunehmend wieder als Mittel der Politik gedacht, eingesetzt und zudem salonfähig werden, ist folglich eine differenzierte Betrachtung Friedrichs II. wichtiger denn je. Genau hierfür wird DIE LINKE kämpfen.
Moritz Kirchner ist Mitglied im Kreisvorstand DIE LINKE.Potsdam