Mein Marx – Gedanken aus Anlass seines 200. Geburtstags

Was bedeutet Marx für dich und was hat er dir heute noch zu sagen?

Auch in der Partei DIE LINKE reichen die Antworten von quasi kulthafter Verehrung seiner Lehre und Person, über Marx als Steinbruch für jedweden politischen Diskurs, bis zu einer vollständigen Historisierung seiner Person und Negierung einer aktuellen Relevanz seiner Erkenntnisse. Das ist Pluralismus, denn natürlich ist der „Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln“, wie Lenin mit Bezug auf Marx und Engels sagte. Dem möchte ich mich gern anschließen.

Kann man also Sozialist sein, ohne Marxist zu sein?

Natürlich kann man das. Schließlich ist der Sozialismus älter als der Marxismus und hat mehrere große Vordenker und Theoretiker. Außerdem geht der Sozialismus in seiner politischen Praxis immer über Marx hinaus oder bleibt hinter ihm zurück, je nach Perspektive. Marxismus beginnt dort, wo der Sentimentssozialismus endet. Jener ersetzt und ergänzt diesen mit wissenschaftlicher Methode und Erkenntnis. Zum Gefühl, das Richtige zu denken und zu tun, kommt mit Marx das Wissen darüber.

Was bedeutet Marx für mich?

Insofern ist Marx' Lehre für mich der wichtigste Schlüssel zum Verständnis der Welt. Sein historischer und dialektischer Materialismus deckt Gesetzmäßigkeiten auf, wo zuvor die „Taten großer Männer“ und das Primat der Ideen für Verwirrung und Verfälschung in den Köpfen sorgten. Seine wissenschaftliche Methode bei der Analyse der politischen Ökonomie ist unbestechlich. Sie offenbart und erklärt die abstrakten hochkomplexen Ausbeutungsverhältnisse des Kapitalismus, die letztlich ihren Ursprung in den Eigentumsverhältnissenhaben. In dieser Hinsicht gilt also Lenins Fazit: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“

Marxismus als Handlungsanleitung

Bei der eingangs erwähnten „Anleitung zum Handeln“ jedoch komme ich nicht so leicht weiter. Dieses „Handeln“ ist schließlich in letzter Instanz das Umwerfen aller Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Aber was bedeutet konkretes Handeln gegen abstrakte Verhältnisse. Was kann, muss und darf ein Sozialist konkret tun, wenn es darum geht, Ausbeutungsverhältnisse und damit letztlich die herrschenden Eigentumsverhältnisse zu überwinden? Diese Frage erinnert mich an eine Begebenheit aus meiner Tätigkeit als Lehrer. Ich hatte vor einigen Jahren einen ukrainisch-stämmigen Schüler im Leistungskurs Geschichte, dessen Großeltern Dozenten für Marxismus-Leninismus in Kiew und Moskau waren. Er identifizierte sich auch persönlichsehr mit dem Marxismus und Bolschewismus. Wir diskutierten im Kurs genau die erwähnte Frage am Beispiel der Maßnahmen in Russland nach der Oktoberrevolution. Einige Schüler verurteilten, dass im Zuge der Enteignungen in Russland auch physische Gewalt bis hin zu Tötungen Anwendung fanden. Er antwortete ihnen mit typischem Akzent. „Ich verstehe nicht euer Problem. Die Großgrundbesitzer mussten enteignet werden und wir haben sie vorher gefragt. Sie kannten die Konsequenzen, wenn sie nicht einverstanden waren. “Die Reaktion im Kurs war entsetztes Schweigen, denn die Logik war bestechend. Wie sonst soll die Revolution im Konkreten stattfinden, wenn nicht im Zweifel gewaltsam. Aber reicht es für einen Sozialisten, vorher zufragen? Was tun, wenn der Ausbeuter auch noch ein vernünftiger, gerechter und persönlich liebenswerter Mensch ist? Dem Wissen und der Überzeugung mit der Enteignung das Richtige zu tun, steht in dieser Situation die humanistische Ethik und damit das Gefühl des falschen Mittels, gegenüber.

Ich und die Revolution

Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich als Beamter des Landes Brandenburg zur Klasse der Ausbeuter gehöre. Ich habe einen Teil meines Geldes angelegt, auch wenn ich vom bequemen Leben eines „Couponschneiders“ weit entfernt bin. Vielleicht tue ich mich deshalb mit der marxistischen „Handlungsanleitung“ so schwer. In dieser Frage siegen bei mir die Prinzipien des Humanismus und der Aufklärung – zwei bedeutende Quellen des Sozialismus. Gewalt als Mittel ist unethisch und nicht vernünftig, auch wenn ich vom Zweck überzeugt bin. Wir überwinden die Verhältnisse nicht mit konkreter Gewalt und schon gar nicht mit konkreter Gewalt gegen Menschen. Ich setze auf Überzeugung der Menschen von der Richtigkeit des Zwecks. Und für diese Überzeugungsarbeit ist der Marxismus das mächtigste Werkzeug. Schließlich kann sich kein vernunftbegabter, aufgeklärter Mensch der wissenschaftlichen Methode und Erkenntnis verschließen.

Leider –so scheint es mir – müssen wir heutzutage aber bei Vielen wieder mit der Aufklärung und Ausbildung der Vernunft beginnen.

 

Christian Wienert