Wir wissen, dass wir vom Kapitalismus sprechen müssen

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich habe Angst. Ich habe Angst vor Terrorismus aber noch mehr vor den bevorstehenden Debatten und Entscheidungen auf allen Ebenen – auch in unserer Partei.

Auf den gestrigen Parteitag der Grünen und der CSU wurden die Themen, die demnächst auf uns zu kommen, bereits angesprochen – Lockerung des Datenschutzes, Bundeswehreinsatz im Innern und militärische Aktionen gegen den IS. Das sind die konservativen Diskussionen und Antworten auf die gegenwärtige Lage.

Ich möchte in diesem Zusammenhang kurz auf eine psychologische Studie aus dem Jahr 2011 eingehen[1]. Vier Psychologen von drei Universitäten der USA haben dort den Zusammenhang zwischen konservativer politischer Einstellung und anstrengungslosem Denken untersucht.

Zusammengefasst haben sie aus ihren Ergebnissen Schlussfolgerungen gezogen, die für uns aktuell außerordentlich wichtig sind.

Wenn Menschen gezwungen sind, schnell zu antworten und zu reagieren – also nur kurz und oberflächlich über ein Problem nachdenken – sind ihre Antworten und Entschlüsse politisch konservativ.

Ein Aspekt ist mir daran besonders wichtig. Wir als Linke dürfen uns nicht unter Druck vor allem Zeitdruck setzen lassen. Entscheidungen heutzutage werden viel zu schnell getroffen und sind dann eben konservativ. Wir müssen uns Zeit für Analysen, Diskussionen und gut durchdachte Antworten nehmen. Ich befürchte, dass insbesondere die aktuellen Ereignisse wieder zu noch schnelleren Entscheidungen führen. Und damit meine ich nicht nur die Bundesrepublik oder die EU. Damit meine ich auch unsere Partei.

Wir wissen, dass wir vom Kapitalismus sprechen müssen, wenn wir über die gesellschaftlichen und ökologischen Probleme sowie über Krieg und Terror sprechen. Das bedeutet aber eben keine schnelle, einfache Lösung, kein Herumkritteln am Bestehenden. Ich nehme für meine Person in Anspruch, keine vorschnellen Antworten zu geben. Ich plädiere für fundierte Analysen und Beschlüsse und möchte das im Kreisvorstand und auf dem Bundesparteitag gern einbringen.

Eine letzte politische Bemerkung von mir zum aktuell wichtigsten Thema. Ich habe in diesem Jahr drei Veranstaltungen für den Kreisverband organisiert und moderiert, die sich explizit mit der wichtigen Rolle Russlands für die weltpolitische Lage beschäftigten. Und zwar sowohl historisch als auch aktuell. Es führt kein nachhaltiger Lösungsweg an Russland und China vorbei. Das würde für den Westen allerdings bedeuten, anstrengungsloses Denken aufzugeben. Ich zweifle leider daran, dass die Entscheidungsträgerinnen und -träger dazu bereit sind. Ich setze dafür nach wie vor auf die politische Linke.

Christian Wienert, Sonnabend, 21. November 2015